Was macht das Salz in der Museumsvitrine? Nicht als Ausstellungsobjekt, sondern als „Klimaschützer“ werden gesättigte Salzlösungen verwendet – und zwar zur nachhaltigen Klimatisierung von Museumsvitrinen. Das Verfahren ist seit langem bekannt, wurde aber durch vermeintlich bessere Methoden verdrängt – außer in Coburg und wenigen anderen Museen weltweit. Auf dem Weg zum umweltfreundlicheren Museum erlebt diese nachhaltige Methode jetzt ein Revival – zumal mit den Salzen auch Schadstoffe aus der Vitrinenluft gezogen werden, die unsere Museumsobjekte schädigen könnten. In Kooperation mit der Universität des Saarlands, der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und Fachleuten aus über 60 Museen im In- und Ausland wurden die Salzlösungen in einem spannenden Forschungsprojekt genau unter die Lupe genommen und auf ihre Museumstauglichkeit getestet, gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.
Abb.1: Das Ausstellungsplakat: Was macht das Salz in der Vitrine? (Foto: Ertel, Grafik: Rößner)
Abb 2: Gesättigte Salzlösungen sind zur Klimatisierung in einem speziellen Fach unter der Vitrine untergebracht. (Foto: Ertel)
DBU-Forschungsprojekt
Das DBU-geförderte Forschungsprojekt „SalzVit“ (Projekt 38338/01) untersuchte systematisch das Potenzial gesättigter Kaliumcarbonat- (Feuchte: 43 %) und Magnesiumnitrat-Lösungen (Feuchte: 53 %) für den Einsatz in Museums- und Archivvitrinen. Beide Salze zeigen im für Museen üblichen Temperaturkorridor keine bzw. eine vernachlässigbare temperaturabhängige relative Feuchte und bleiben auch bei Temperaturschwankungen stabil.
Laboruntersuchungen zeigten:
• Kaliumcarbonat absorbiert Schadgase wie Formaldehyd, Essigsäure und Ameisensäure besonders effizient – teils innerhalb weniger Minuten, dabei werden die Gase auch chemisch „aufgebrochen“ und dadurch unschädlich gemacht.
• Magnesiumnitrat wirkt stabil bei organischen Materialien und eignet sich für höhere Soll-Luftfeuchten.
• Magnesiumchlorid (Feuchte 33% hat seit über drei Jahrzehnten die ‚kranken‘ Gläser in der Ausstellung auf der Veste vor weiterem Zerfall bewahrt. Jüngste Messungen der Natrium- bzw. Kaliumabgabe auf der Glasoberfläche zeigten Werte im stabilen Bereich.
Abb. 3: Gesättigte Salzlösungen (Kurven in grün, orange und rot) können Schadstoffkonzentrationen (blau: ohne Salz) sehr schnell absorbieren. (Grafik: LMT, Universität des Saarlandes)
Ergebnisse der Praxistests
Die Kunstsammlungen der Veste Coburg sowie zahlreiche nationale und internationale Partnerinstitutionen nahmen an einem Ringversuch teil, in dem über einen ganzen Jahreszyklus entsprechend klimatisierte Vitrinen dokumentiert wurden (Zeitraum 2023 bis 2024). Die insgesamt über 80 ausgewerteten Testreihen zeigen:
• Eine stabile, stromunabhängige Luftfeuchte ist über mindestens zwölf Monate möglich – selbst bei schwankendem Raumklima.
• Dreiviertel der Teilnehmenden bewerten das Klimatisierungsverfahren positiv
• Wartungszyklen und (Re-)Konditionierung, wie etwa bei Silikagel-Produkten (z.B. ProSorb), können deutlich reduziert werden.
• Es wird kein kostenintensives Equipment benötigt.

Abb 4: Die Raumfeuchte (oben, blaue Linie) ist stark schwankend, während in der Vitrine dank der Salzlösung eine konstante Feuchte herrscht (unten, blaue Linie). (Foto: Siebel/Grieb)
Damit ist bewiesen, dass Salzlösungen hochwirksame Schadstoffabsorber sind, die im Falle des Kaliumcarbonats die Stoffe nicht nur binden, sondern chemisch unschädlich machen.
Gleichzeitig sind sie eine verlässliche, energieunabhängige, ausfallsichere und nachhaltige Klimatisierungsmöglichkeit, die wenig Wartungsaufwand benötigt und die mit recht geringem Aufwand auch in Bestandsvitrinen umgesetzt werden kann.
Die Ergebnisse des Projekts wurden in einem Abschlussbericht zusammengefasst, nützliche Praxishinweise für den Museumseinsatz gibt ein Handbuch (siehe Downloadbereich).
Ausstellung „Prima Klima – das Museum wird umweltfreundlicher“
Das Forschungsprojekt zur nachhaltigen Klimatisierung von Vitrinen mit gesättigten Salzlösungen wurde von Oktober 2024 bis Mai 2025 den Besuchern der Veste in einer kompakten Schau im Ausstellungsraum STUDIO präsentiert. Die Ausstellung bot einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen des Museums, hinein in die Vitrine.
Die Ausstellung wird in abgewandelter Form als Wanderausstellung an verschiedenen Orten gezeigt, den Start machte Gotha, wo die Schau bis Mai 2026 auf Schloss Friedenstein gezeigt wird.
Prima Klima – das Museum wird umweltfreundlicher vom 25.10.2024 bis 25.05.2025
Tagung und Workshop
Gemeinsam mit der Universität des Saarlandes und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart veranstalteten die Kunstsammlungen der Veste Coburg am 22. und 23. Mai 2025 die Abschlusstagung zu dem Forschungsprojekt mit spannenden Vorträgen.
Im Zentrum standen die konkreten Erfahrungen mit dem Gebrauch der Salzlösungen im Museumsalltag. Die Methode wurde mit aktiver Klimatisierung, der Verwendung von Silikagel-Produkten und weiteren Methoden verglichen. Im anschließenden Workshop am 24. Mai wurde der Umgang mit den Salzlösungen praktisch vermittelt. Dieser Workshop wurde zwischenzeitlich auch auf der Metal 2025 in Cardiff (Wales) und im Rahmen der Museologen-Ausbildung in Leipzig gehalten. Für Herbst 2026 und Frühjahr 2027 sind weitere Termine geplant. Weitere Vorträge für Fachpublikum wurden in Bonn, Köln, Cardiff, Berlin, Tübingen und Lyon gehalten.
Downloads
Handbuch (englisch):
HUMIDITY CONTROL USING SATURATED SALT SOLUTIONS FOR DISPLAY CASES
Handbuch deutsch
(in Arbeit)
Literatur
- Brieger/Marschibois/Eggert/Schütze/Bur 2023 Oliver Brieger; My Sa Marschibois; Gerhard Eggert; Andreas Schütze; Christian Bur: MOS Sensors Characterizing Gas Absorption Dynamics for Art Conservation, in: 2023 IEEE SENSORS, Vienna, Austria 2023, S. 1–4. DOI: 10.1109/SENSORS56945.2023.10324921.
- Brieger/Pfeifer/Schütze/Bur 2024 Oliver Brieger; Robin Alexander Pfeifer; Andreas Schütze; Christian Bur: Charakterisierung der Absorption von Luftschadstoffen durch gesättigte Salzlösungen zum Schutz wertvoller Kulturgüter, in: 17. Dresdner Sensor-Symposium 2024. Wunstorf; AMA Service, S. 148–153. DOI: 10.5162/17dss2024/P24.
- Eggert 2022 Gerhard Eggert: Saturated salt solutions in showcases: humidity control and pollutant absorption, in: Heritage Science 10/54 (2022), S. 1–6. DOI: 10.1186/s40494-022-00689-3.
- Eggert/Brieger/Marschibois/Becker/Bur/Siebel/Grieb 2024 Gerhard Eggert; Oliver Brieger; My Sa Marschibois; Daniel Becker; Christian Bur; Katja Franziska Siebel; Heiner Grieb: Sustainable and Beneficial: Pollutant Absorption and Relative Humidity Control in Display Cases by Saturated Salt Solutions, in: Studies in Conservation 69/sup 1 (2024), S. 72–80. DOI: 10.1080/00393630.2024.2339727.
- Eggert/Grieb/Brather 2022 Gerhard Eggert; Heiner Grieb; Stephan Brather: „Salz in der Vitrine“: Neues Forschungsprojekt startet, in: RESTAURO 7 (2022). S. 36–39.
- Eggert/Schütze 2023 Gerhard Eggert; Andreas Schütze: Zwei auf einen Streich: Klimatisierung und Schadstoffabsorption in Vitrinen durch gesättigte Salzlösungen, in: METALLA Sonderheft 12 (2023), S. 112-114. https://doi.org/10.46586/metalla.v.2023.i12
- Grieb/Siebel/Eggert 2026 Heiner Grieb; Katja Franziska Siebel; Gerhard Eggert: Das Coburger Modell als Inspiration für neue Forschungen zur Vitrinenklimatisierung, in: Burg, Schloss, Fränkische Krone: 800 Jahre Veste Coburg. (Jahrbuch der Coburger Landesstiftung 2024), Coburg 2026, S. 406-422.
- Schütze 2025 Andreas Schütze: Schutz national wertvoller Kulturgüter durch Einsatz gesättigter Salzlösungen in Vitrinen zur Absorption anthropogener Luftschadstoffe (DBU-Abschlussbericht) https://doi.org/10.5281/zenodo.15680444
- Siebel/Grieb/Brieger/Pfeifer/Bur/Eggert 2025 Katja Franziska Siebel; Heiner Grieb; Oliver Brieger; Robin Pfeifer; Christian Bur; Gerhard Eggert: Dicke Luft? Pottasche! Ein wiederbelebter Ansatz zur Klimatisierung von Museumsvitrinen, in: METALLA Sonderheft 13 (2025), S. 56-58. https://doi.org/10.46586/metalla.v.2025.i13
- Siebel/Grieb/Brieger/Pfeifer/Bur/Eggert 2025 Katja Franziska Siebel; Heiner Grieb; Oliver Brieger; Robin Pfeifer; Christian Bur; Gerhard Eggert: Pollutants? Potassium carbonate! A new solution for a healthy atmosphere in metal display cases, in: Metal 2025. Proceedings of the International Conference on Metals Conservation, hg. von N. Emmerson, J. Thunberg und D. Watkinson, Cardiff (Wales), 1–5 September 2025, S. 181–189. https://www.researchgate.net/publication/395384454
- Siebel/Grieb/Brieger/Pfeifer/Bur/Eggert 2025 Katja Franziska Siebel; Heiner Grieb; Oliver Brieger; Robin Pfeifer; Christian Bur; Gerhard Eggert: Magnesium nitrate as sustainable solution for constant RH (53%) and pollutant absorption in display cases, in: npj Heritage Science 13/537 (2025), S. 1–6. https://doi.org/10.1038/s40494-025-02111-0.
- Siebel/Grieb/Brieger/Pfeifer/Bur/Thickett/Eggert 2026 Katja Franziska Siebel; Heiner Grieb; Oliver Brieger; Robin Pfeifer; Christian Bur; David Thickett; Gerhard Eggert: Drying the tears of ‘weeping’ glass – The Coburg magnesium chloride experience, zur Veröffentlichung eingereicht.
- Ulitzka 1992 Stanislav Ulitzka: Schädigung von museal aufbewahrten Gläsern durch die Glaskrankheit und Abhilfemaßnahmen. Kurzfassung des Abschlussberichts zum Forschungsvorhaben S188, gefördert durch die Stiftung Industrieforschung, Erlangen: Institut für Werkstoffwissenschaften III, 1992.








(c) Prof. Gerhard Kampe