#12 Himmlischer Sommergarten: Restaurierung eines Meisterwerks auf der Veste Coburg
Das Bild „Maria mit dem Kind auf der Rasenbank“ von Hans Burgkmair d. Ä. zählt zu den herausragenden Werken der oberdeutschen Malerei um 1500. Restauratorin Gudrun Bischoff hat das Werk für die Zukunft gesichert.
Der Falter auf der Akelei sieht aus, als ob er gleich davonflattert. Die Kohlmeise hat eine Eintagsfliege erbeutet. Das Christuskind auf dem Arm seiner Mutter hat eben einen Zweig leuchtend roter Walderdbeeren gepflückt. Jetzt blickt es direkt aus dem Bild heraus in unsere Welt. Mit seinen ebenso wunderschönen wie lebensechten Pflanzen- und Tierdarstellungen zieht das großformatige Gemälde „Maria mit dem Kind auf der Rasenbank“ Besucherinnen und Besucher der Kunstsammlungen der Veste Coburg noch 500 Jahre nach seiner Entstehungszeit in den Bann.
Dank großzügiger Unterstützung der Horst Ludwig Weingarth-Stiftung wurde das Tafelbild nun restauriert. Die konservatorischen Arbeiten führte die Stuttgarter Gemälderestauratorin Gudrun Bischoff aus. Ziel der Restaurierung war es, den originalen Bestand der Malerei zu sichern. Dazu wurden gelockerte Malschichten gefestigt und ältere Kittungen behutsam erneuert. Infrarotaufnahmen erlauben zudem neue Einblicke in Burgkmairs Arbeitsweise und Maltechnik. So wurde sichtbar, dass nur ausgewählte Bildpartien, etwa der Faltenwurf des Marienmantels, detaillierter vorgezeichnet sind. „Besonders bemerkenswert an dieser sparsam eingesetzten Vorzeichnung ist die sichere und schwungvolle Linienführung“, so Restauratorin Gudrun Bischoff. Änderungen während des Malprozesses fänden sich nur an sehr wenigen Stellen, so zum Beispiel an den Füßen des Christuskindes oder bei der Architektur der Burg im Hintergrund.
Andere Details wie die Tiere und Pflanzen entstanden sogar weitgehend ohne Vorzeichnung unmittelbar mit dem Pinsel. Die Infrarotaufnahmen legen damit nicht nur die hohe zeichnerische Qualität Burgkmairs offen, sondern zeigen auch, wie sicher er zwischen vorbereitender Zeichnung und unmittelbarer malerischer Ausführung wechselte.
Das gut zwei Meter hohe Kunstwerk schuf Hans Burgkmair d. Ä. (1473–1531) einst für einen Altar. Es zählt zu den herausragenden Werken der oberdeutschen Malerei am Übergang zur Frühen Neuzeit. Hans Burgkmair d. Ä. entwickelte sich in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts zu einer der führenden Künstlerpersönlichkeiten Augsburgs. Er verband die oberdeutsche Maltradition mit Einflüssen der altniederländischen und italienischen Malerei und entwickelte dabei eine eigenständige Bildsprache. Zahlreiche prominente Auftragsarbeiten, darunter für Kaiser Maximilian I., machten ihn zu einem der angesehensten Künstler seiner Zeit. Im Jahr 2006 konnte das Tafelbild für die Kunstsammlungen der Veste Coburg erworben werden. Gemäldekurator Niels Fleck unterstreicht die kunstgeschichtliche Bedeutung des Gemäldes und erklärt: „Der künstlerische Umbruch in der Malerei um 1500 wird hier unmittelbar greifbar. Die traditionsreiche Symbolsprache spätgotischer Marienbilder verbindet sich bei Burgkmairs Rasenbank-Madonna mit einer neuen Qualität des Naturstudiums.“ Das zeige sich vor allem in der plastischen Gestaltung der Figuren, den detailliert wiedergegebenen Pflanzen und der überzeugenden räumlichen Darstellung.
Die sogenannte „Rasenbank“, auf der Maria mit dem Jesuskind sitzt, verweist auf das Motiv des verschlossen Gartens (hortus conclusus) aus dem biblischen Hohelied, das seit dem Mittelalter als Sinnbild der Reinheit und Jungfräulichkeit Mariens verstanden wurde. Die mit großer botanischer Genauigkeit wiedergegebenen Blumen, Gräser und Tiere verweisen symbolisch auf Tugenden Mariens ebenso wie auf Leiden, Erlösung und Auferstehung Christi.
Die nun abgeschlossenen Restaurierungsmaßnahmen sichern das bedeutende, 500 Jahre alte Werk langfristig. Die Untersuchungsergebnisse ermöglichen außerdem eine noch intensivere Auseinandersetzung mit Hans Burgkmair d. Ä. und seiner Zeit.
Wie viele andere Museen auch sind die Kunstsammlungen der Veste Coburg bei der Bewahrung und Pflege ihres umfangreichen Kunstbesitzes auf die Unterstützung privater Förderer und Zustifter angewiesen. „Die Restaurierung der ‚Rasenbank-Madonna‘ zeigt beispielhaft, wie privates Engagement dazu beiträgt, bedeutende Kulturgüter dauerhaft zu bewahren und zugleich neue Erkenntnisse über ihre Entstehung zu gewinnen“, so Niels Fleck. „Wir freuen uns, einen Beitrag zum Erhalt dieses herausragenden Kunstwerks leisten zu können“, ergänzt Marina Herbst-Böhm von der Horst Ludwig Weingarth-Stiftung. Das Tafelbild ist ab sofort wieder in der Gemäldeabteilung der Kunstsammlungen zu sehen.
(Cornelia Stegner)





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